
In vielen Unternehmen wird Resilienz noch immer mit einer Art stoischer Unberührbarkeit verwechselt. Der Mitarbeiter, der selbst in angespannten Situationen ruhig bleibt und keine Emotion zeigt, gilt schnell als besonders belastbar. Dieses Bild wirkt auf den ersten Blick professionell, hat aber mit echter Resilienz wenig zu tun.
Die Forschung zeigt deutlich, dass Resilienz keine emotionale Abstumpfung bedeutet. Christina Berndt beschreibt Resilienz als Fähigkeit, innere Reaktionen zu regulieren – nicht sie zu unterdrücken. Emotionen gehören zum Entscheidungs- und Stresssystem des Menschen dazu. Sie sind Hinweise darauf, was uns wichtig ist, wo Grenzen erreicht sind und welche Themen Priorität brauchen. Resiliente Menschen lassen diese Signale zu, statt sie wegzudrücken.
Der entscheidende Unterschied liegt im Umgang damit. Emotionen tauchen auf, manchmal intensiver, manchmal leiser. Menschen mit hoher Resilienz können beobachten, was in ihnen passiert, und bringen anschließend wieder Struktur in ihre Gedanken. Genau diese Fähigkeit zur inneren Sortierung macht sie handlungsfähig – nicht das Vermeiden von Gefühlen.
Gerade im Business-Kontext ist das wichtig. Wer versucht, alle Emotionen zu kontrollieren oder zu kaschieren, wirkt nach außen zwar souverän, verliert aber oft den Zugang zu wichtigen Informationen über Belastung, Motivation oder Risiken. Resilienz heißt nicht, neutral zu bleiben, sondern trotz innerer Reaktionen klar entscheiden, kommunizieren und handeln zu können.
In vielen beruflichen Kontexten hält sich die Vorstellung, dass Belastbarkeit vor allem damit zu tun hat, Herausforderungen selbstständig zu lösen. Doch die Forschung zeigt etwas anderes: Menschen, die auf verlässliche soziale Unterstützung zugreifen können, verarbeiten Stress deutlich effizienter. Christina Berndt beschreibt, dass soziale Bindungen messbar dazu beitragen, Stressreaktionen im Körper zu reduzieren, weil sie Sicherheit und Orientierung vermitteln.
Ein stabiles Netzwerk wirkt wie ein Puffer. Es muss nicht groß sein, und es besteht selten aus Menschen, die konkrete Lösungen liefern. Entscheidend ist vielmehr das Gefühl, nicht allein durch eine schwierige Situation zu gehen. Kolleginnen, Mentoren, vertraute Ansprechpartner oder einfach Menschen, die zuhören, schaffen einen Rahmen, in dem Belastung leichter zu bewältigen ist.
Resilienz bedeutet daher nicht Unabhängigkeit um jeden Preis. Sie entsteht auch durch die Fähigkeit, Unterstützung anzunehmen und sich in schwierigen Phasen auf andere abzustimmen. Diese Form der Verbundenheit ist ein Schutzfaktor – nicht weil andere Probleme lösen, sondern weil sie helfen, Klarheit und Stabilität wiederzufinden.
Gerade im Business-Umfeld wird Belastbarkeit oft mit Disziplin gleichgesetzt. Wer lange durchhält, viel leistet oder auch unter hohem Druck weiterfunktioniert, gilt schnell als besonders resilient. Doch dieser Eindruck täuscht. Resilienz hat wenig mit Durchbeißen oder eiserner Willenskraft zu tun.
Disziplin kann kurzfristig helfen, Aufgaben zu bewältigen, aber sie geht häufig an den inneren Prozessen vorbei. Resilienz hingegen entsteht dann, wenn Menschen wahrnehmen, wie sie auf Belastungen reagieren, und ihre Reaktionen sinnvoll steuern können. Regulation statt reiner Anstrengung – das ist der entscheidende Unterschied. Wer nur auf Willenskraft setzt, übergeht wichtige Signale des Körpers und riskiert, sich langfristig zu überfordern.
Erschöpfung ist deshalb kein Hinweis darauf, dass jemand „zu wenig Resilienz“ hat. Im Gegenteil: Sie ist oft ein Zeichen dafür, dass Belastungssituationen zu lange ignoriert oder ausschließlich mit Disziplin abgefedert wurden. Resiliente Menschen erlauben sich, Grenzen wahrzunehmen und rechtzeitig zu reagieren, statt das Tempo weiter zu erhöhen. Genau dieser bewusste Umgang mit eigener Energie sorgt dafür, dass sie langfristig stabil bleiben.
Es hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass manche Menschen von Natur aus belastbarer sind als andere – als wäre Resilienz eine feste Eigenschaft, die man entweder besitzt oder eben nicht. Die Forschung zeigt jedoch ein deutlich anderes Bild: Resilienz ist kein genetisch festgelegtes Persönlichkeitsmerkmal, sondern entwickelt sich über Erfahrungen, Denkmuster und den Umgang mit Herausforderungen.
Ein zentraler Punkt ist die Fähigkeit des Gehirns, sich im Laufe des Lebens zu verändern. Die Neuroplastizität beschreibt, dass sich neuronale Verbindungen verstärken oder abschwächen, je nachdem, wie häufig bestimmte Gedanken, Bewertungen oder Verhaltensweisen genutzt werden. Das erklärt, warum Menschen, die sich über längere Zeit bewusster mit Belastungen auseinandersetzen, neue Wege im Umgang damit entwickeln können. Diese Prozesse laufen still im Hintergrund und prägen nach und nach das Verhalten.
Beispiele dafür finden sich sowohl im Alltag als auch in wissenschaftlichen Untersuchungen. Menschen, die wiederholt schwierige Situationen reflektieren und aus ihnen lernen, zeigen langfristig stabilere Reaktionen auf Belastung. Ebenso belegen Studien, dass gezielte Veränderungen im Denken – etwa eine realistischere Einschätzung von Herausforderungen – zu messbaren Anpassungen in den neuronalen Netzwerken führen können.
Resilienz entsteht also nicht aus angeborener Stärke, sondern aus Anpassung und Erfahrung. Sie wächst dort, wo Menschen bewusst wahrnehmen, wie sie reagieren, und sich Schritt für Schritt neue Möglichkeiten erschließen, mit Belastungen umzugehen.
Ein weiterer verbreiteter Irrtum ist die Annahme, resiliente Menschen würden jede Situation sofort in etwas Gutes verwandeln oder stets optimistisch bleiben. Dieser Eindruck entsteht schnell, besonders wenn der Begriff Resilienz mit einer Art Dauer-Optimismus verwechselt wird. In der Forschung zeigt sich jedoch klar: Resilienz hat nichts mit Schönfärben zu tun.
Entscheidend ist der Unterschied zwischen erzwungener Positivität und einer nüchternen, realistischen Einordnung. Positivität setzt darauf, negative Aspekte auszublenden oder schnell durch ein besser klingendes Narrativ zu ersetzen. Realismus hingegen erlaubt, die Situation so zu sehen, wie sie ist – mit Chancen, aber auch mit Schwierigkeiten. Diese Klarheit ist die Grundlage dafür, sinnvolle Entscheidungen treffen zu können.
Menschen, die versuchen, alles positiv zu interpretieren, geraten schneller unter Druck, weil sie sich nicht erlauben, belastende Anteile einer Situation wahrzunehmen. Wer dagegen realistisch bleibt, erkennt Risiken und Probleme, ohne sich von ihnen überwältigen zu lassen. Realismus gibt Orientierung, weil er die Grundlage für den nächsten sinnvollen Schritt schafft, während übertriebener Optimismus häufig dazu führt, Warnsignale zu übergehen.
Resilienz entsteht deshalb nicht durch dauerhaft gute Laune, sondern durch die Fähigkeit, Situationen klar zu betrachten und trotz Schwierigkeiten handlungsfähig zu bleiben.
Erinnere dich an eine Situation der letzten Tage, in der du kurz unter Druck geraten bist – vielleicht durch eine knappe Deadline, ein Gespräch oder eine unerwartete Aufgabe. Überlege, welcher Gedanke oder welcher kleine Schritt dir damals geholfen hat, die Situation einzuordnen und wieder klar zu handeln.
Nimm diesen Moment als Ausgangspunkt:
Merke dir, was dir geholfen hat, und versuche den Kern dieser Erfahrung so zu abstrahieren, dass er auch in anderen Situationen nutzbar wird.
Ein Beispiel kann sein:
Wenn dir in einem stressigen Moment ein kurzer innerer Satz wie „Ich entscheide einen Schritt nach dem anderen“ geholfen hat, kannst du genau diesen Ansatz auf viele andere Situationen übertragen – unabhängig davon, wie groß oder klein sie sind.
Dein Experte
Oliver Berndorf
Lead Business Analyst, Projektmanager und Dozent
Resilienz ist in der heutigen Business-Welt kein ‚Nice-to-have‘, sondern eine Kernkompetenz für Qualität und Führung. Wer unter Druck klar denken und entscheiden will, braucht mehr als nur Disziplin – er braucht Regulationskompetenz.
Seit Jahren befasse ich mich theoretisch und praktisch damit, was Menschen in High-Performance-Umgebungen stabil hält. Ich teile hier keine Kalendersprüche, sondern neurobiologisch fundierte Strategien, die sich bewährt haben.