
Wenn eine Situation unerwartet oder belastend wirkt, reagiert der Körper schneller, als wir denken können. Der erste Impuls entsteht nicht im bewussten Denken, sondern in einer tiefer liegenden Struktur des Gehirns: der Amygdala. Sie bewertet Reize blitzschnell danach, ob Gefahr bestehen könnte, und löst im Zweifel lieber einmal zu viel als einmal zu wenig eine Stressreaktion aus.
Christina Berndt beschreibt, dass diese Reaktion automatisch und unwillkürlich abläuft. Die Amygdala arbeitet gewissermaßen nach dem Prinzip der Vorsicht: Sie prüft nicht sorgfältig, ob eine Situation objektiv gefährlich ist, sondern reagiert auf alles, was potenziell kritisch wirken könnte. Genau deshalb spüren wir manchmal Stress oder Anspannung, obwohl wir rational wissen, dass die Lage eigentlich überschaubar ist.
Diese automatische Erstreaktion ist kein Fehler des Systems, sondern ein Schutzmechanismus, der uns evolutionär geprägt hat. Erst nach diesem schnellen Alarm beginnt der Teil des Gehirns zu arbeiten, der Informationen sortiert und einordnet. Bis dahin läuft der erste Stressimpuls rein reflexartig ab – lange bevor bewusste Entscheidungen möglich sind.
Sobald das Alarmsystem im Gehirn aktiviert ist, verändert sich die Art und Weise, wie wir Informationen verarbeiten. Ein entscheidender Bereich ist dabei der präfrontale Kortex – jener Teil hinter der Stirn, der für Abwägung, Überblick, Planung und klare Entscheidungen verantwortlich ist. Unter Stress wird seine Aktivität deutlich eingeschränkt.
Die Forschung zeigt, dass der Körper in angespannten Momenten Energie in die schnelleren, reflexartigen Systeme umleitet. Das führt dazu, dass komplexes Denken schwieriger wird. Entscheidungen fühlen sich anstrengender an, Zusammenhänge wirken weniger klar, und es entsteht eine Art Fokusverengung. Man sieht nur noch das unmittelbar vor einem liegende Problem, während andere Perspektiven aus dem Blick geraten.
Dieser „Tunnelblick“ ist nicht Ausdruck mangelnder Kompetenz, sondern eine biologische Reaktion. Das Gehirn versucht, Ressourcen zu sparen und sich auf das zu konzentrieren, was es als dringlich einstuft. Klarheit und strukturiertes Denken werden erst wieder möglich, wenn die Stressreaktion abklingt und der präfrontale Kortex seine regulierende Funktion zurückerhält.
Video: Ich habe hier Teile dieses Artikels mal in einem Video erklärt
Viele Menschen interpretieren ihre eigene Stressreaktion als Schwäche. Wenn der Körper schneller reagiert als der Kopf, Atem und Puls steigen oder der Überblick für einen Moment verloren geht, entsteht schnell der Gedanke: „Ich komme damit nicht zurecht.“ Doch dieser Schluss ist biologisch betrachtet falsch.
Eine Stressreaktion ist keine Frage von Können oder Nicht-Können, sondern eine automatische Reaktion des Nervensystems. Das Gehirn bewertet eine Situation in Sekundenbruchteilen und leitet körperliche Prozesse ein, die aus seiner Sicht notwendig sind. Dieser Ablauf geschieht unabhängig davon, wie kompetent oder erfahren jemand ist.
Die Fähigkeit, unter Stress kurz den Überblick zu verlieren, sagt daher nichts über Leistungsvermögen oder Belastbarkeit aus. Entscheidend ist nicht, ob Stress auftritt, sondern wie man später wieder zu Klarheit findet. Die Entkopplung von Stress und persönlichem Wert ist ein wichtiger Schritt, um sich selbst in anspruchsvollen Situationen gerecht einzuschätzen.
Auch wenn sich Stress im ersten Moment sehr intensiv anfühlen kann, verfügt der Körper über eingebaute Mechanismen, die dafür sorgen, dass diese Reaktion nicht dauerhaft anhält. Sobald die akute Alarmphase abklingt, beginnt ein natürlicher Beruhigungsprozess, der Schritt für Schritt wieder mehr Stabilität herstellt.
Das autonome Nervensystem spielt dabei eine zentrale Rolle. Nachdem die Alarmreaktion ausgelöst wurde, setzt nach einiger Zeit automatisch die entgegengesetzte Aktivität ein: Signale im Körper sorgen dafür, dass Herzschlag und Muskelspannung sinken und der Organismus zurück in einen ausgewogeneren Zustand findet. Dieser Prozess läuft im Hintergrund ab und braucht keine aktive Anleitung. Er ist ein Teil des biologischen Gleichgewichts, das den Körper davor schützt, dauerhaft auf Hochtouren zu laufen.
Wichtig ist zu verstehen, dass diese natürliche Beruhigung Zeit braucht. Auch wenn der Kopf bereits wieder klarer denken möchte, reagiert der Körper in seinem eigenen Tempo. Dieses Zusammenspiel ist normal und kein Zeichen mangelnder Kontrolle. Sobald das Alarmsystem vollständig deaktiviert ist, kann der präfrontale Kortex seine regulierende Funktion wieder übernehmen, und die innere Klarheit kehrt zurück.
Nicht nur große Herausforderungen lösen Stress aus. Häufig sind es die vielen kleinen Belastungen des Alltags – eine unterbrochene Arbeitsphase, ein straffer Terminplan, ein kurzer Konflikt, eine unklare Nachricht –, die sich im Laufe eines Tages oder einer Woche bemerkbar machen. Jede dieser Situationen erzeugt eine minimale Anspannung, oft so gering, dass sie kaum bewusst wahrgenommen wird. Doch genau diese Mikro-Belastungen haben eine besondere Wirkung: Sie summieren sich.
Wenn solche kleinen Stressoren ohne Ausgleich aufeinanderfolgen, bleibt der Körper länger im Aktivierungsmodus. Das führt nicht sofort zu starker Erschöpfung, kann aber nach und nach die innere Stabilität beeinträchtigen. Die Forschung zeigt, dass Menschen deutlich besser mit größeren Herausforderungen umgehen, wenn der Alltag nicht zusätzlich mit vielen ungeklärten oder ungelösten Kleinstressoren gefüllt ist.
Deshalb ist der Umgang mit diesen kleinen Momenten so wichtig. Sie mögen unscheinbar wirken, aber sie beeinflussen, wie stabil wir über den Tag hinweg bleiben und wie gut wir auf unerwartete Belastungen reagieren können. Wer diese Mikro-Belastungen bewusst wahrnimmt und ihnen nicht freien Lauf lässt, schafft eine Grundlage, die langfristig für mehr Klarheit und Belastbarkeit sorgt.
Achte heute auf einen kleinen Moment, in dem du spürst, dass dein Körper anspannt – vielleicht durch eine kurze Verzögerung, eine E-Mail, die Druck auslöst, oder eine Aufgabe, die plötzlich dringender wirkt. Benenne die Anspannung einmal innerlich, zum Beispiel „Stress“, „Druck“ oder „Unsicherheit“. Mehr ist nicht nötig.
Warum das hilfreich ist:
Das Benennen schafft einen minimalen Abstand zwischen dir und der Reaktion. Dadurch kann sich der erste Stressimpuls leichter beruhigen, und du gewinnst schneller wieder Überblick.
Handlungsempfehlung:
Behalte im Kopf, welches Wort dir geholfen hat, die Situation klarer zu sehen. Formulierungen, die in einem Moment funktionieren, lassen sich oft auf andere Situationen übertragen.
Beispiel:
Wenn du in einem spontanen Zeitdruck-Moment innerlich „Druck — kein Notfall“ sagst und damit sofort ruhiger wirst, kannst du denselben Satz auch in anderen Szenarien nutzen, um den ersten Stressimpuls schneller einzuordnen.
Dein Experte
Oliver Berndorf
Lead Business Analyst, Projektmanager und Dozent
Resilienz ist in der heutigen Business-Welt kein ‚Nice-to-have‘, sondern eine Kernkompetenz für Qualität und Führung. Wer unter Druck klar denken und entscheiden will, braucht mehr als nur Disziplin – er braucht Regulationskompetenz.
Seit Jahren befasse ich mich theoretisch und praktisch damit, was Menschen in High-Performance-Umgebungen stabil hält. Ich teile hier keine Kalendersprüche, sondern neurobiologisch fundierte Strategien, die sich bewährt haben.