
Resilienz: Warum Selbstfürsorge biologisch notwendig ist
Selbstfürsorge hat oft den Ruf, ein weiches oder sogar egoistisches Thema zu sein. Biologisch betrachtet ist sie jedoch ein grundlegender Bestandteil mentaler Stabilität. Der Körper kann Belastungen nur dann gut verarbeiten, wenn sich Phasen der Aktivierung und Phasen der Erholung abwechseln. Fehlt diese Erholung, bleibt das Nervensystem in einer Art Dauerbereitschaft – mit spürbaren Folgen für Konzentration, Stimmung und Entscheidungsfähigkeit.
Belastung an sich ist nicht das Problem. Der Körper ist darauf ausgelegt, kurzfristig mehr Energie bereitzustellen und sich auf Anforderungen einzustellen. Kritisch wird es erst dann, wenn Aktivierungsphasen zu lange anhalten und keine echten Pausen folgen. In solchen Situationen bleibt die innere Spannung bestehen, obwohl die konkrete Aufgabe längst vorbei ist. Das erschwert es dem Gehirn, wieder klarer zu denken, und macht es anfälliger für Überforderung.
Erholung bedeutet dabei nicht, große Auszeiten zu nehmen oder das komplette Leben umzustellen. Oft reichen kurze Momente, in denen das Nervensystem registriert, dass gerade keine unmittelbare Bedrohung besteht. Diese kleinen Unterbrechungen helfen dem Körper, die Stressreaktion langsam herunterzufahren. Selbstfürsorge ist deshalb kein Luxus, sondern ein biologischer Prozess, der verhindert, dass Belastung sich dauerhaft festsetzt und die eigenen Ressourcen aufbraucht.
Wenn Erholung regelmäßig stattfindet – selbst in kleinen Portionen –, bleibt das innere System flexibler. Das macht stabiler in stressigen Phasen und ermöglicht es, Herausforderungen nüchterner und klarer zu bewältigen.
Grenzen werden oft mit Strenge oder Abwehr verbunden, dabei erfüllen sie eine völlig andere Funktion: Sie schützen die eigenen mentalen Ressourcen. Ein „Nein“ ist in diesem Sinne kein Ausdruck von Härte, sondern ein Hinweis darauf, wie viel Belastung das eigene System gerade tragen kann, ohne Schaden zu nehmen.
Wenn Anforderungen, Aufgaben oder Erwartungen ohne Abgrenzung angenommen werden, entsteht ein permanenter Druck, der das Nervensystem überlastet. Der Körper registriert dann kaum noch Pausen, weil er zwischen „Anforderung“ und „Erholung“ nicht mehr unterscheiden kann. Grenzen setzen wirkt hier wie ein Korrektiv. Es signalisiert dem System, dass nicht jede Belastung automatisch übernommen werden muss.
Ein weiterer Punkt: Grenzen dienen nicht nur dem Schutz, sondern auch der Klarheit. Wer anderen gegenüber deutlich macht, was gerade machbar ist und was nicht, schafft Orientierung – für sich selbst und für das Umfeld. Diese Klarheit verhindert Missverständnisse, reduziert zusätzlichen Stress und sorgt dafür, dass Entscheidungen oder Aufgaben nicht auf einem unausgesprochenen Druck basieren.
Wichtig ist dabei der innere Blick: Grenzen sind kein Zeichen von Rückzug oder mangelnder Belastbarkeit. Sie sind ein Hinweis darauf, dass man den eigenen Energiehaushalt ernst nimmt. Ein gut gesetztes „Nein“ ist deshalb ein Stabilitätsfaktor, der langfristig Leistungsfähigkeit und innere Ruhe erhält, statt sie zu vermindern.
Überlastung entsteht selten durch ein einzelnes großes Ereignis. Viel häufiger baut sie sich langsam auf – durch viele kleine Anforderungen, die für sich genommen harmlos wirken, sich aber im Alltag verdichten. Diese Mikro-Überforderungen sind oft schwer zu erkennen, weil sie sich gut tarnen: eine zusätzliche Aufgabe hier, eine kurze Unterbrechung da, ein schneller Gefallen zwischendurch. Nichts davon wirkt bedrohlich. Doch das Nervensystem registriert jede dieser Belastungen als kleinen Aktivierungsimpuls.
Wenn solche Impulse sich häufen, ohne dass echte Erholungsmomente dazwischenliegen, bleibt der Körper in einem Zustand leichter Anspannung. Diese Grundspannung fällt im Alltag kaum auf, beeinflusst jedoch Konzentration, Stimmung und Belastbarkeit. Man fühlt sich gereizter, hat weniger Geduld oder braucht länger, um nach einer Anforderung wieder ruhig zu werden – nicht, weil die Situation außergewöhnlich wäre, sondern weil das System bereits am Limit arbeitet.
Das Tückische daran: Mikro-Überforderung fühlt sich nicht dramatisch an. Sie passt sich ein, wirkt „normal“ und wird deshalb leicht übergangen. Erst wenn sie sich über Tage oder Wochen ansammelt, zeigen sich die Folgen deutlicher. Genau deshalb ist es so wichtig, die kleinen Signale früh wahrzunehmen – nicht, um weniger zu leisten, sondern um die eigene Stabilität zu erhalten, bevor der Druck zu groß wird.
Selbstfürsorge wird häufig mit Wohlfühlmomenten verbunden – Pausen, Entspannung, Auszeiten. Doch in der Realität besteht ein großer Teil echter Selbstfürsorge aus Entscheidungen, die nicht sofort angenehm sind, sondern langfristig stabilisieren. Das unterscheidet sie deutlich von dem, was häufig im Wellness-Marketing vermittelt wird.
Viele Maßnahmen, die das Nervensystem wirklich entlasten, wirken im ersten Moment eher unbequem: eine Aufgabe klar priorisieren, eine Grenze ziehen, ein Gespräch führen, das man eigentlich vermeiden wollte, oder eine Verpflichtung absagen, obwohl ein schlechtes Gewissen mitschwingt. Diese Schritte lösen nicht sofort ein Wohlgefühl aus, aber sie verhindern, dass sich Belastung weiter aufstaut.
Der Unterschied ist entscheidend. Aktivitäten, die nur angenehm sind, beruhigen kurzfristig, ändern aber wenig an der eigentlichen Belastungssituation. Echte Selbstfürsorge setzt früher an. Sie schafft Klarheit, verhindert Überlastung und sorgt dafür, dass Energie dort bleibt, wo sie gebraucht wird. Sie ist nicht darauf ausgelegt, den Alltag schöner zu machen, sondern ihn tragfähiger zu gestalten.
Damit wird deutlich: Selbstfürsorge ist kein Rückzug in Komfort, sondern eine Form der Verantwortung – für die eigene Stabilität, Leistungsfähigkeit und Gesundheit. Genau deshalb fühlt sie sich nicht immer leicht an, auch wenn sie langfristig die innere Stärke stärkt.
Selbstzuwendung bedeutet nicht, den Tag umzubauen oder lange Routinen einzuführen. Oft sind es sehr kleine Momente, die dem Nervensystem signalisieren, dass es kurz zur Ruhe kommen darf. Diese Momente wirken, weil sie den inneren Druck unterbrechen – nicht durch eine Technik, sondern durch einen klaren Impuls: „Es ist gerade nichts Bedrohliches zu tun.“
Ein solcher Moment kann entstehen, wenn du dir erlaubst, kurz innezuhalten, statt sofort in die nächste Aufgabe zu springen. Oder wenn du für einen Augenblick anerkennst, dass eine Situation anstrengend war, statt sie zu übergehen. Auch ein bewusster, ruhiger Gedanke wie „Das war viel“ reicht aus, um die innere Aktivierung leicht zu senken.
Diese kleinen Momente wirken deshalb so stark, weil sie dem Körper eine klare Botschaft senden: Die Anspannung muss nicht durchgehend gehalten werden. Das Nervensystem kann sich für einen Moment neu sortieren und zurückschalten. Genau diese kurzen Unterbrechungen verhindern, dass die Aktivierung im Laufe des Tages immer weiter ansteigt.
Kleine Selbstzuwendung ist damit weniger eine Handlung als eine Haltung. Es geht darum, die eigene Belastung kurz wahrzunehmen und ihr Raum zu geben, ohne sich rechtfertigen oder etwas verändern zu müssen. Diese Form der Aufmerksamkeit stabilisiert – leise, unaufdringlich und oft genau dann, wenn sie am meisten gebraucht wird.
Nimm dir heute einen kurzen Moment und frage dich: Was bräuchte ich jetzt wirklich – nicht perfekt, nur ehrlich? Lass die Antwort einfach auftauchen, ohne sie zu bewerten oder sofort etwas daraus machen zu müssen.
Handlungsempfehlung:
Behalte diesen einen Gedanken im Hinterkopf. Er zeigt dir, wo dein System gerade steht. Wenn du ihn ernst nimmst – selbst in kleiner Form –, wirkt das oft stabilisierend, weil du deine Belastung nicht übergehst, sondern kurz wahrnimmst.
Beispiel:
Vielleicht merkst du, dass du eigentlich nur zwei Minuten Ruhe brauchst, bevor du weitermachst. Oder dass eine klare Entscheidung heute mehr Entlastung bringen würde als noch eine zusätzliche Aufgabe. Genau solche kleinen, ehrlichen Hinweise sind oft der Anfang echter Selbstfürsorge.
Dein Experte
Oliver Berndorf
Lead Business Analyst, Projektmanager und Dozent
Resilienz ist in der heutigen Business-Welt kein ‚Nice-to-have‘, sondern eine Kernkompetenz für Qualität und Führung. Wer unter Druck klar denken und entscheiden will, braucht mehr als nur Disziplin – er braucht Regulationskompetenz.
Seit Jahren befasse ich mich theoretisch und praktisch damit, was Menschen in High-Performance-Umgebungen stabil hält. Ich teile hier keine Kalendersprüche, sondern neurobiologisch fundierte Strategien, die sich bewährt haben.